Medizinische Sprechstunde der Kinderherzstiftung

Infektanfälligkeit und Herzfehler: „Müssen bei unserer Tochter die Mandeln entfernt werden?”

Vor einiger Zeit hatten Eltern einer neun Jahre alten Tochter, die unter einem Herzfehler leidet, in der Sprechstunde der Kinderherzstiftung gefragt, ob bei dem Mädchen wegen einer erhöhten Infektanfälligkeit die Mandeln entfernt werden sollten. Während sich die HNO-Ärzte für den Eingriff aussprachen, sah der Kinderarzt keine zwingende Notwendigkeit für eine solche Mandeloperation. Hier die Antwort der aus Kinderherzstiftungs-Sprechstunde.

Die genaue Frage der Eltern:

Unsere Tochter ist 9 Jahre alt und herzkrank (kompletter AVSD, Schrittmacher). Sie ist immer schon infektanfällig gewesen, zwei Jahre lang hatte sie aber weitgehend Ruhe. Seit Dezember 2009 jedoch waren die Mandeln massiv betroffen. Deshalb wurde sie mit Antibiotika behandelt. Zweimal flammte der Infekt nach einer Woche wieder auf. Daraufhin wurde ihr ein anderes Antibiotikum gegeben (der Abstrich auf Streptokokken war beim letzten Mal positiv).

Aktuell wurden die Blutwerte getestet: Senkung, CRP und Leukozyten waren unauffällig, der ASL-Wert (Antistreptolysin-Wert) liegt bei 281. Der Kinderarzt sagte, es bestünde keine zwingende Notwendigkeit, die Mandeln zu entfernen. Der niedergelassene Hals-Nasen-Ohrenarzt und der Hals-Nasen-Ohrenarzt der Universität empfehlen dagegen eine Entfernung von Polypen und Gaumenmandeln. Wir als Eltern sind nun hin- und hergerissen. Kinder- bzw. Hausarzt sind eher skeptisch bzgl. der Operation, der Kardiologe bezieht nicht eindeutig Stellung. Die Hals-Nasen-Ohrenärzte sind unserer Erfahrung nach immer schnell beim Operieren.

Welche Erfahrung haben Sie? Was sind Eckpfeiler für eine Entscheidung? Wir hoffen, dass Sie uns weiterhelfen können! (Familie F., Kandel)

Die Experten-Antwort:

Soweit ich das anhand Ihrer Mail entnehmen kann, wurde bei Ihrer Tochter ein kompletter AVSD chirurgisch korrigiert, und es besteht nun das Problem wiederholter Mandelentzündungen. Die genauen Befunde kenne ich nicht, so kann ich nur vermuten, dass ein gutes Operationsergebnis mit normaler Herzfunktion vorliegt. Ist dies der Fall, so unterscheidet sich die Indikation zur Entfernung der Mandeln (Tonsillektomie) nicht wesentlich von der bei nicht-herzkranken Kindern.

Ob die Mandeln entfernt werden sollen, ist wie vieles in der Medizin, oft nicht eindeutig und wird daher in Grenzfällen unterschiedlich beurteilt. Eine Tonsillektomie ist üblicherweise erforderlich, wenn es zu regelmäßigen antibiotikapflichtigen Mandelentzündungen kommt (drei bis sechs Mal im Jahr), oder wenn die Mandeln aufgrund einer chronischen Entzündung einen Infektionsherd bilden.

Mit Mandeloperation noch abwarten?

Insofern könnte man bei Ihrer Tochter noch abwarten und bei weiteren Mandelentzündungen handeln. Ferner kann auch bei stark vergrößerten Mandeln, die die Atmung behindern, eine Entfernung erforderlich sein. Ob dies der Fall ist, kann und sollte ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt entscheiden.

Die Operation kann in der Regel problemlos in einer Klinik/Abteilung für Hals-Nasen-Ohren-Chirurgie erfolgen. Bei Patienten mit Rest-Befunden wie z. B. einer schwer beeinträchtigten Herzfunktion oder einem Lungenhochdruck sollte die Behandlung in einer Klinik erfolgen, wo eine Betreuung und Mitbehandlung durch Kinderkardiologen vor und nach der Operation gewährleistet ist und die Narkoseärzte über Erfahrungen in der Behandlung von Patienten mit angeborenen Herzfehlern verfügen. Diese Entscheidung sollte ein erfahrener Kinderkardiologe treffen.

Mandeloperation: Wichtig ist gute Nachüberwachung

In Deutschland erfolgt die Entfernung der Mandeln stets stationär im Rahmen eines Klinikaufenthaltes von fünf bis acht Tagen. Üblicherweise wird der Eingriff unter Vollnarkose vorgenommen. Die Operation selbst dauert rund 15 Minuten. Die Mandeln werden mittels chirurgischer Instrumente entfernt, auftretende Blutungen während der Operation gestillt, teils durch Elektrokoagulation, teils durch chirurgische Nähte oder Umstechungen. Wichtig ist eine gute Nachüberwachung nach der Narkose/Operation, da es zu Nachblutungen und Atemaussetzern kommen kann.

Dr. Björn Peters

Autor: Dr. med. Björn Peters ist Oberarzt in der Ab­tei­lung für angeborene Herzfehler und Kinder­kar­dio­logie des Deutschen Herzzentrums Berlin. Zu den klinischen und wissenschaftlichen Schwerpunkten des Spezialisten für angeborene Herzfehler zählen u. a. Herzkathetereingriffe, Schrittmachertherapie, Intensivmedizin und die Behandlung von Erwach­senen mit angeborenen Herzfehlern.

(Redaktion: ebe)

Kai Rüenbrink,
Leiter der Kinderherzstiftung

22. November 2017

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