Experten-Interview mit Prof. Felix Berger

Herz-OP bei Kindern: Was müssen Eltern vor dem Eingriff beachten?

Kind im OP-Bereich

Wann darf mein Kind vor einer Herz-OP zum letzten Mal etwas trinken und wie laufen die Stunden vor dem Eingriff ab? Die wichtigsten Fragen dazu be­ant­wor­tet im Interview der Kinderkardiologe Professor Dr. med. Felix Berger vom Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung.

Herr Prof. Berger, wie ist der Ablauf, bevor mein Kind bei einer Herz-Operation in den OP kommt?

Prof. Dr. med. Felix Berger: In den meisten Kliniken gehört es zum Standard in der Stunde vor der OP ein Beruhigungsmittel zu verabreichen, wobei auf diese Maßnahme je nach Alter verzichtet werden kann. Kein Beruhigungsmittel ist z. B. bei Säuglingen in den ersten Lebensmonaten erforderlich, wenn das Kind noch nicht fremdelt und davon auszugehen ist, dass die Narkose-Vorbereitungen in der ungewohnten OP-Umgebung noch nicht als so beängstigend empfunden werden, wie dies häufig bei schon etwas älteren Kindern der Fall ist.
Darüber hinaus wird dem Kind Wäsche angezogen, die vom Krankenhaus gestellt wird - meist eine Art Nachthemd, das sich im OP mit wenigen Handgriffen unkompliziert entfernen lässt. Das hat u. a. den Vorteil, dass eigene Kleidungsstücke wie etwa ein Schlafanzug im OP nicht verloren gehen können, wenn das Kind später für den Eingriff freigemacht wird.

Wie lange vor der OP darf das Kind noch etwas essen oder trinken?

Baby wird gestillt

Stillen bis vier Stunden vor der OP

Prof. Berger: Dies ist ein sehr wichtiger Punkt. Klare Flüssigkeiten wie Wasser und Tee sind bis maximal zwei Stunden vor der Narkose erlaubt. Dagegen ist Stillen oder die Einnahme fester Nahrungsbestandteile, wozu auch Babybrei gehört, bei Säuglingen bis höchstens vier Stunden vor der OP gestattet. Bei Kleinkindern, also ab einem Lebensalter von etwa einem Jahr, sind es sechs Stunden, wobei die exakten Zeitangaben von Klinik zu Klinik etwas variieren.

Der Hintergrund dieser Nüchternheits-Vorschrift ist, dass der Magen während der Narkose leer sein muss. Ansonsten besteht die Gefahr, dass bei der Narkose-Einleitung Mageninhalt in die Lunge gerät, falls das Kind in diesem Moment erbrechen sollte. Denn aufgrund der Narkose sind die körpereigenen Schutzreflexe herabgesetzt, die bei einem wachen Menschen normalerweise zu einem automatischen Abhusten führen, falls Nahrungsbestandteile fälschlicherweise in die Luftröhre gelangen. Diese Schutzfunktion kennt jeder vom Verschlucken, wenn man reflektorisch husten muss, ohne dass man dies willentlich unterdrücken kann.

Fehlen die Schutzreflexe wie bei einer Narkose und gelangt dann Mageninhalt in die Luftröhre, kann es zu gefährlichen Lungenentzündungen kommen, weshalb die Nüchternheits-Regeln unbedingt eingehalten werden müssen, auch wenn dies für das Kind im Einzelfall eventuell schwierig zu ertragen ist. Ist man sich als Mutter oder Vater nicht sicher, ob das Kind kurz vor der OP doch noch irgendwoher etwas zu trinken oder zu essen bekommen hat, sollte man das zum Wohle des Kindes unbedingt den Ärzten mitteilen.

Wie geht es weiter, wenn mein Kind in den OP-Bereich kommt?

Prof. Berger: In der sogenannten OP-Schleuse, ab der zur Vermeidung von Keimeinschleppungen von allen OP-Beschäftigten die typisch grüne oder blaue OP-Kleidung getragen werden muss, wird das Kind von den Eltern für die Dauer des Eingriffs verabschiedet und von den OP-Mitarbeitern entgegengenommen. Das Kind wird von seinem Bett auf einen fahrbaren OP-Tisch umgebettet und hineingefahren. Babys, die noch nicht viel wiegen, werden teilweise auch hineingetragen, falls dies für das Kind angenehmer ist. Wenn Eltern wollen, können Sie ihr Kind auch bereits auf Station an das Pflegepersonal übergeben und müssen dann nicht mit zur OP-Schleuse, was Eltern die belastende Situation manchmal etwas einfacher macht.

Im OP kümmert sich dann zuerst eine Narkoseärztin oder ein Narkosearzt um das Kind. Zusammen mit dem Pflegepersonal werden verschiedene Vorbereitungen getroffen, die für die Narkose und den anschließenden Eingriff am Herzen erforderlich sind. Z. B. wird zur Überwachung des Blutdrucks eine Blutdruckmanschette angelegt und das Kind mit einem EKG-Gerät verbunden, mit dem sich der Herzrhythmus während der gesamten Zeit ununterbrochen anzeigen lässt.

„Betäubungspflaster macht Haut unempfindlich”

Um schließlich den Tiefschlaf für die Operation herbeizuführen, stehen heute verschiedene Narkose-Verfahren zur Verfügung. Z. B. kann über einen Venenzugang ein Narkosemedikament ins Blut gespritzt werden, woraufhin das Kind sehr schnell einschläft. Das Legen eines solchen Zugangs bereitet dem Kind trotz des Nadelstiches normalerweise keine oder nur minimale Schmerzen, da vorher ein kleines Betäubungspflaster auf die Einstichstelle geklebt wird, das die Haut in diesem Bereich unempfindlich macht.
Da die Narkosemedikamente das Atemzentrum hemmen, muss das Kind während der Operation beatmet werden. Daher folgt, sobald sich das Kind in Narkose befindet, die sogenannte Intubation, bei der durch den Mund ein dünner Schlauch in die Luftröhre geschoben wird, der an ein Beatmungsgerät angeschlossen wird. Je nach Herzfehler und geplanter Operation werden darüber hinaus verschiedene weitere Vorbereitungen durchgeführt, worüber im Vorfeld mit den Eltern gesprochen wird.

Wie viel wird mein Kind von den ganzen OP-Vorbereitungen mitbekommen?

Prof. Berger: Grundsätzlich sorgt das Beruhigungsmittel, das in der Stunde vor der OP gegeben wird, dafür, dass die Kinder sehr schläfrig sind und von den OP-Vorbereitungen um sich herum nur wenig wahrnehmen. Darüber hinaus wird bei Kindern sorgfältig darauf geachtet, dass möglichst viele OP-Vorbereitungen wie etwa das Legen weiterer Venenzugänge erst durchgeführt werden, wenn sich das Kind im Tiefschlaf der Narkose befindet. Das gilt auch für die Intubation und die Beatmung, wovon das Kind nichts mehr mitbekommt.

Ist es sinnvoll, dem Kind zur Beruhigung ein Kuscheltier oder sein Lieblingsspielzeug mit in den OP zu geben?

Junge mit Kuscheltier

Ein Kuscheltier kann Kindern im OP helfen.

Prof. Berger: Das ist grundsätzlich hilfreich, aber auch nicht immer ohne Probleme. Denn die Mitarbeiter im OP-Bereich werden oft sehr stark von ihrer Ar­beit beansprucht, bei der die Konzentration an erster Stelle auf dem Wohlergehen des Kindes liegt. Daher kann es durchaus vor­kom­men, dass die anschließende sichere Ver­wah­rung eines Kuscheltieres oder auch eines Spielzeuges zu kurz kommt und ein Verlust nicht auszuschließen ist. Am besten man erkundigt sich vorher auf Station, wie dieser Punkt in der jeweiligen Klinik gehandhabt wird.

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Prof. Dr. med. Felix Berger

Autor: Prof. Dr. med. Felix Berger ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung und Direktor der Klinik für Angeborene Herzfehler und Kinderkardiologie des Deutschen Herzzentrums Berlin sowie Direktor der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Kardiologie am Otto Heubner Centrum für Kinder- und Jugendmedizin an der Charité Campus Virchow Klinikum in Berlin. Durch die enge Kooperation mit dem durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Kompetenznetz für Angeborene Herzfehler kann ein effektiver Wissenstransfer und eine bessere Versorgung der Patienten mit angeborenen Herzfehlern erreicht werden.

(Redaktion: ebe)

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